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Reisebericht Madagaskar 2008:

Fortsetzung (Seite 2 von 7)


   Dann schaffen wir eben erstmal unser Gepäck auf das Zimmer. Es ist das einzige Zimmer, was noch frei ist. Dummerweise lässt sich die Tür nicht verriegeln. Auch das noch – das fängt ja gut an. Zurück an der Rezeption erklärt uns die Hotelangestellte, dass wir das Hotel jetzt bei Dunkelheit nicht mehr verlassen sollten, wegen der Sicherheit. Die beiden frechen Rikschafahrer warten noch immer. Mir reicht es jetzt, ich gehe zur Rikscha, lege die Bezahlung auf den Sitz und gehe zurück. Die beiden beschimpfen mich wieder, folgen mir aber nicht ins Hotel.

   Wir essen im Hotel zu Abend und machen hin und wieder einen Kontrollgang zu unserem Zimmer im Obergeschoss, um zu sehen, ob noch alles in Ordnung ist, da die Tür nur angelehnt ist. Die Frau von der Rezeption meint noch, als wir auf unser Zimmer gehen, dass sie uns morgen früh einen Begleiter zur Sicherheit mitgeben wird, da wir zeitig starten wollen und es noch dunkel wäre.

   Die Nacht ist heiß. Mücken umschwirren uns. Das Moskitonetz, was wir immer dabei haben, lässt sich hier leider nicht installieren. Die Mückenspirale ist irgendwann abgebrannt. Nach Mitternacht hole ich eine neue Spirale. Dazu muss ich aber die Hotelfrau wecken, sie liegt hinter der Rezeption auf einer Wolldecken am Boden.

   Fünf Uhr am Morgen verlassen wir das Hotel. Der Begleiter wäre nicht notwendig gewesen, es ist ruhig, die Stadt schläft noch. Der gelbe Kleinbus wartet schon. Und es geht auch gleich los. Mit weiteren Touristen und Einheimischen fahren wir entlang der Ostküste nach Norden, überqueren dabei mehrere Brücken über große Flüsse, die hier in den Ozean münden. Drei Stunden später sind wir in Soanierana-Ivongo, wo das gelbe Fährschiff schon bereitsteht. Zuvor müssen wir aber noch zur Gendarmerie im Ort: Pässe vorlegen, uns registrieren lassen.

   Die Überfahrt mit dem „Yelloboat“ dauert anderthalb Stunden. Das Boot ist relativ neu, schnell ist es auch. Jeder Passagier bekommt eine Schwimmweste. Blauer Himmel, blaues Meer, die Sonne scheint und vor uns taucht ganz langsam die alte Pirateninsel Ile Ste-Marie auf. Ambodifototra, wo wir anlegen, wirkt beinahe touristisch. Auf ganz Madagaskar sind nur wenige Touristen unterwegs, doch hier legen viele einen Stopp ein. Die Insel misst eine Länge von dreiundfünfzig Kilometern und hat an ihrer breitesten Stelle nur ganze fünf Kilometer. Dennoch verlaufen sich die Besucher recht schnell, wenn man nicht im Hauptort am südlichen Ende verweilt. Wir nehmen uns ein Taxi und fahren auf der einzigen Inselstraße an der Westküste nach Norden. Unterwegs halten wir an kleinen Bungalowhotels, die einladend direkt am Strand errichtet sind. Oft haben sie nur drei bis fünf Zimmer, bisher sind alle belegt.

   Die Zimmersuche geht also weiter. Die wenig befahrene Asphaltstraße schlängelt sich sanft durch Hügelketten und ist in Kurven unübersichtlich. Weil die Straße schmal ist, hupt der Fahrer vor jeder Kurve. Plötzlich rast uns in einer Kurve ein Motorrad entgegen, schneidet die Kurve und knallt uns gegen das Taxi, der Spiegel zerschellt. Was war das gerade für ein Irrer? Wir stoppen, springen aus dem Pkw und schauen, was passiert ist. Eine madagassische Frau, offensichtlich der Sozius, liegt am Straßenrand und hält sich das Knie. Der Fahrer hat das Motorrad schon wieder aufgerichtet und nur wenige Kratzer abbekommen, blutet ein bisschen an der Hand. Die Frau steht vermutlich unter Schock, augenscheinlich hat sie innere Verletzungen im Kniebereich, da sie beim Aufprall mit ihrem Bein die Autotür gestreift hat. Wir müssen sofort einen Krankentransport, die Polizei rufen, das ist unser erster Gedanke. Moment – wir sind hier in Afrika, fern ab unserer Gewohnheiten, wo soll hier ein Krankenwagen herkommen! Wir laden die Frau behutsam ins Taxi, kehren um und fahren zurück in den Hauptort, wo es eine Ambulanz gibt. Der Motorradfahrer, ein raubeiniger Franzose, ist noch in der Lage selbst zu fahren, folgt uns. Die Verletzung am Knie blutet nur wenig, doch die Schmerzen scheinen schlimm zu sein. Wir versuchen die Frau während der Fahrt zu beruhigen. Sie ist in Tränen ausgebrochen, sie stöhnt vor Schmerzen. Nach zwanzig Kilometern erreichen wir die Krankenstation und übergeben die Verletzte einer Krankenschwester.

   Jetzt beginnt eine heftige Diskussion zwischen unserem Taxifahrer und dem Unfallverursacher. Die Taxitür ist zerbeult. Forderungen werden gestellt. Wir haben den Eindruck, dass der Franzose keinesfalls die Polizei einschalten will. Nach einer Weile werden sich die Unfallgegner einig. Wir mischen uns nicht ein. Endlich können wir die Zimmersuche fortsetzen. Dieser nervenaufreibende Zwischenfall beschäftigt uns noch lange. Am meisten sind wir aber darüber froh, dass die Verletzte versorgt wird.

   Nur wenige Kilometer hinter der Unfallstelle finden wir im „Le Rocher“ einen Bungalow für die nächsten Nächte. Endlich sind wir angekommen. Das Fünf-Bungalow-Hotel wird von einer Familie aus dem angrenzenden Fischerdorf geführt. Es verfügt über ein Restaurant, wo die Gäste auf einer offenen Terrasse direkt aufs Meer schauen. Es gibt frisch gefangenen Fisch. Langsam kommen wir zur Ruhe.

   Was für einen wunderbaren Ort haben wir hier gefunden! Sandstrand mit Palmen und anderen exotischen Bäumen direkt vor unserer Hütte. Nach einem morgendlichen Bad im Indischen Ozean erkunden wir die Umgebung, wandern bis zum übernächsten Dorf, wo es auch Bungalows gibt und palmenbestückte Strände.

   Auf dem Weg kommen wir an einem Steinbruch vorbei, wo hart gearbeitet wird. Der Granitstein wird hier noch von Muskelkraft und Eisenstange gebrochen, dann den Hang heruntergekullert und unten mit Hämmern mühselig auf Schottergröße zerkleinert. Auch Frauen üben diesen Knochenjob aus. Paradies und Hölle liegen manchmal nah bei einander. Im Dorf nebenan treffen wir Kinder mit selbstgebautem Spielzeug und begeisterte Jugendliche beim Tischfußball. Auf dem Friedhof neben der Straße haben die Gräber recht eigenwillige Bauformen. Manche sind mit gemauerten Kreuzen verziert und mit Kacheln gefliest.

   Am nächsten Morgen wollen wir die Insel zur Ostküste durchwandern. An dieser Stelle ist Ile Ste-Marie nur etwa vier Kilometer breit. Da es auf der dicht bewachsenen Insel nur schmale Wege gibt, die zu Feldern oder kleinen Gehöften führen, besteht die Gefahr, dass man sich verlaufen kann. Deshalb haben wir einen jungen Mann von der Hotelfamilie als Begleiter angeheuert. Lucienne führt uns durch Plantagen, über grüne Hügel, durch düsteren Regenwald bis wir vor einer langgezogenen Lagune stehen, die zu überqueren ist, um zur Ostküste vorzudringen. Diese parallel zur Küste verlaufende Lagune ist viele Kilometer lang. Ein Fischer rudert uns im Kahn hinüber. Drüben ist nur noch eine schmale Landzunge zu durchlaufen. Und da liegt sie hinter Palmen: die atemberaubende Ostküste mit ihren breiten Sandstränden, wie im Bilderbuch. Und das tolle ist, wir haben sie für uns allein. Keine Menschseele ist zu sehen, weit und breit. Runter mit den Sachen, rein in die Badehose – ab in die Fluten. Das weit draußen im Meer liegende Riff aus Korallen macht auch diesen Strand zum Schwimmen sicher, hält Haie fern.

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© Copyright 2011 Joerg Paul Beyer